Leseprobe

Schloss der Schatten 1 - Blut ist dicker als Wasser

Prolog

 

Der Kies des Friedhofswegs knirschte unter seinen Schritten, als Raoul sich dem Treffpunkt näherte.

Wollten sie ihn damit etwa beeindrucken? Mit einem Treffen auf dem Friedhof?

Derlei hätte ihm schon zu Lebzeiten nicht mehr als ein Gähnen entlockt.

Man sagte Friedhöfen nach, dass es Orte seien, an denen die Grenzen zur Zwischenwelt dünner, die Magieströme stärker und dass das Durchführen von manchen Ritualen sogar nur dort möglich wäre. Nun, das mochte sein. Allerdings handelte es sich bei dem heutigen Treffen um nichts anderes als eine Übergabe. Da hätte es jeder andere Ort genauso gut getan!

Auch, wenn das Objekt, das den Besitzer wechseln sollte, nichts Geringeres als eine Mordwaffe war. Raouls Hand legte sich vorsichtig auf das Päckchen in seiner Jackentasche. Die Erinnerung schmerzte fast noch so sehr wie damals. Dass die Jahrzehnte sich mittlerweile über ein Jahrhundert hinaus summiert hatten, änderte daran nichts.

Es widerstrebte ihm, ausgerechnet diesen Gegenstand aus der Hand geben zu müssen, doch es ging nicht anders. Er war so kurz davor, endlich das zu bekommen, was er schon so lange wollte!

Raoul bog am Ende des Weges ab und lief direkt auf eine imposante, wenn auch leicht verfallene Gruft zu. Es war niemand dort. Zumindest wollte man ihn das Glauben machen, denn er witterte die drei Hexen deutlich. Falls sie beabsichtigten, ihn durch plötzliches Auftauchen aus dem Nichts überraschen oder gar einschüchtern zu wollen, dann kannten sie seine Spezies offenbar nicht gut.

Schade, dass er keine von ihnen zuvor gesehen hatte, sonst hätte er ihr den Gedanken eingeben können, schon vorzeitig zu erscheinen und damit ihren lächerlichen Überraschungseffekt zunichtezumachen.

„Ich habe heute noch eine Verabredung zum Essen, meine Damen. Wäre es zu viel verlangt, wenn wir die Sache hinter uns bringen könnten?“, sprach er in die scheinbare Leere vor sich.

Das kaum wahrnehmbare Rascheln von Stoff zeigte ihm Bewegung an, vermutlich verständigten sich die drei gerade untereinander. Im nächsten Moment ertönte ein Knall und ein greller Lichtblitz ließ Raoul geblendet die Augen zusammenkneifen.

Himmel, was für eine schauderhafte Vorstellung!

Vor ihm standen drei Frauen in einheitlichen schwarzen Kutten mit Kapuzen, die ihre Gesichter vollständig verdeckten.

„Was soll das Theater?“, fragte er ärgerlich.

„Je weniger du von uns weißt, desto besser“, krächzte die große Hagere ganz links. Von Stimme und Haltung her musste sie schon älter sein.

Nun, einerlei. Am besten ließ er ihnen den Spaß. Er wusste, wie sie rochen, und würde sie bei Bedarf wiedererkennen. Aber das war nur von Bedeutung, wenn sie ihre Arbeit nicht machen würden. Für ihn war die Sache erledigt, sobald sie den Zauber gesprochen und Daniel in das Schloss der Schatten gelockt hatten. Der Rest interessierte ihn nicht. Am liebsten wäre ihm, das alles ließe sich jetzt sofort erledigen. Doch leider war das nicht möglich. Was er vorhatte, brauchte Zeit. Heute konnte er lediglich die Grundlagen legen und sein Vorhaben in die Wege leiten.

Die schlanke Hexe ganz rechts stieß ein bellendes Husten aus, worauf die Köpfe der beiden anderen vorwurfsvoll zu ihr ruckten. Hier hatte jemand eindeutig zu viel geraucht.

Die Alte wandte sich wieder Raoul zu. „Gib es mir“, verlangte sie und streckte die Hand aus.

Widerstrebend zog er das Päckchen aus der Tasche und schlug den Stoff beiseite. Hervor kam ein Messer mit einer langen, geraden Klinge, deren Metall stumpf und fleckig wirkte. Behutsam strich er über den braunen Holzgriff mit dem Adlerwappen.

Es missfiel ihm, den Hexen den Dolch zu geben. Niemand sollte ihn anrühren. Aber es gab nun mal eine Sache, die wichtiger war. Am besten brachten sie es hinter sich. Sobald die Magierinnen hatten, was sie brauchten, würde er das Messer wieder mitnehmen. Abgesehen davon, dass niemand Fremdes das Recht hatte, es zu besitzen, musste Raoul die Waffe dorthin zurücklegen, woher er sie genommen hatte. Zum Glück hatte Daniel die sentimentale Angewohnheit, sich mit alten Erinnerungsstücken zu umgeben! Anders wäre es unmöglich gewesen, an die Zutat heranzukommen, die so zwingend für den Erfolg seines Plans vonnöten war.

Kaum hatte Raoul den dreien das Messer hingehalten, grapschte die Alte es ihm auch schon aus der Hand.

Sogleich rotteten sich die Hexen um die Waffe, wie die drei Moiren um ein Bündel mit Schicksalsfäden. Die etwas kleinere, korpulente zog eine winzige Phiole aus ihrem Umhang, was vom auffälligen Klackern einer ungeheuren Menge Armreife begleitet wurde, und die Schlanke einen Zauberstab. Dann hustete sie noch einmal bellend, was den beiden anderen ein warnendes Zischen entlockte.

Endlich begannen die drei, fremdartig klingende Formeln zu murmeln und dazu Gesten zu vollführen, die lächerlich gewirkt hätten, wenn sie nicht auf eigentümliche Art den Singsang ergänzen würden.

Gegen seinen Willen gebannt schaute Raoul ihnen zu. Durch eine Lücke zwischen ihnen hatte er einen direkten Blick auf das Messer. Nach einer Weile fing es an zu leuchten. Die Hexen steigerten die Lautstärke und Intensität ihrer Zauberformeln, bis die Alte den Dolch schließlich, mit der Klinge nach unten auf Augenhöhe hielt. Sie stieß drei Worte aus, die Raoul nicht verstand, woraufhin das Leuchten schlagartig erlosch.

 

Dafür färbte sich das getrocknete Blut auf der Klinge plötzlich wieder leuchtend rot, wurde flüssig und tropfte in die winzige Phiole, die die korpulente Hexe darunter hielt.

Es war keine große Menge, aber der Geruch weckte eine der schmerzhaftesten Erinnerungen in Raouls Leben. Doch den Anflug von schlechtem Gewissen und den Zweifel, ob er wirklich das Richtige tat, wischte er im gleichen Augenblick beiseite. Diesmal würde er es durchziehen.

Der letzte Blutstropfen landete mit einem leisen Platschen in der Phiole, die die korpulente Hexe sofort verschloss. Die Klinge war nun glänzend sauber. Raoul fragte sich unwillkürlich, wie er den alten Zustand wieder herstellen sollte, denn irgendwann musste Daniel auffallen, dass die Schneide auf einmal blitzsauber war. Doch dann murmelten die Magierinnen eine abschließende Formel, woraufhin die Klinge plötzlich wieder stumpf und fleckig wurde. So praktisch das auch war, hinterließ es ein ungutes Gefühl. Für die Hexen gab es keinen Grund, hier derart gründlich vorzugehen. Wenn sie so gewissenhaft alle Spuren verwischten, verfolgten sie womöglich eigene Interessen.

Raoul konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, welche das sein sollten, doch bei Hexen war prinzipiell Vorsicht angeraten.

Er würde sie im Auge behalten. Sollte er merken, dass sie irgendwelches Schindluder trieben, würde er sie töten.

 

 

 

 

Die Entdeckung im Wald

 

Da Auricas Augen ihr hier nicht weiterhalfen, tastete sie sich mit ihrem magischen Sinn vorwärts. Dort drüben! Ein Stück entfernt von dem Steinhaufen war es am intensivsten. Vorsichtig näherte sie sich der Stelle. Plötzlich sah sie es: Fast unsichtbar unter dem üppigen Bewuchs verborgen, führte eine verfallene Treppe in die Tiefe. Unbewusst hielt Aurica den Atem an. Eine Treppe mitten im Wald?

Als sie ihren Blick ein wenig schweifen ließ, bemerkte sie an der Seite noch einen niedrigen Mauerrest. Vermutlich hatte hier früher einmal ein Gebäude gestanden. Die Treppe führte in den ehemaligen Keller – und von dort unten kam die Magie.

Die Härchen in Auricas Nacken stellten sich auf, doch sie musste herausfinden, was es mit der Zauberei auf sich hatte. Für einen Moment überlegte sie, ob es womöglich klüger wäre, zunächst zurückzugehen, eine starke Taschenlampe zu holen und jemandem Bescheid zu geben, wohin sie ging. Allerdings ließ sich schlecht erklären, was sie hier in dieser abgelegenen Ecke zu suchen hatte. Dass Magie sie hergeführt hatte, konnte sie erst recht niemandem sagen, ohne für verrückt gehalten zu werden. Aber Licht brauchte sie. Vielleicht würde ja die Taschenlampe ihres Smartphones ausreichen.

 

Jetzt war sie Daniel sogar dankbar, wer hätte das gedacht! Früher hatte sie ihr Handy auf der Arbeit nämlich immer in ihrer Handtasche oder auf dem Tisch liegen lassen und hätte es in einem Fall wie diesem daher nicht zur Hand gehabt. Doch seit sie hier war, steckte sie es grundsätzlich in die hintere Tasche ihrer Jeans. Aurica traute Daniel ohne Weiteres zu, sich des herumliegenden Geräts zu bemächtigen und irgendetwas Dummes damit anzustellen, was es um jeden Preis zu vermeiden galt.

Sie schaltete die Taschenlampe ein und machte sich an den Abstieg. Wenn das Licht zu schwach war, konnte sie immer noch zurückgehen und eine stärkere Lampe holen.

Wer Aurica nicht kannte, hätten ihr mit Sicherheit nicht zugetraut, dass sie allein in diesen verlassenen, dunklen Keller hinabstieg. Doch nur weil man ruhig und zurückhaltend war, musste man nicht automatisch auch ängstlich sein. Obwohl ihr das Herz im Moment bis zum Halse schlug. Abgesehen davon war es wirklich nicht allzu klug, mutterseelenallein hier herunterzusteigen. Aber wen hätte sie bitten können, sie zu begleiten? Es gab nun einmal keinen vernünftigen Grund, der schlüssig erklärte, wie sie diese abgelegene Treppe überhaupt hatte finden können.

Vorsichtig kletterte Aurica Stufe für Stufe hinab. Die Stiege war steil, machte jedoch zumindest einen stabilen Eindruck. Leider reichte das Tageslicht nicht weit, und auch das Licht des Handys spendete nur einen kleinen hellen Kreis, der sich viel zu schnell in der Dunkelheit verlor. Es war stockfinster in dem Keller. Wenn es einmal Fenster oder wenigstens Lichtschächte gegeben haben sollte, dann waren sie mittlerweile zugewachsen oder verschüttet.

Mit Grausen bemerkte Aurica, dass sogar die Geräusche aus der Welt über ihr verschwunden waren. Rabenschwarze Stille umfing sie. Das Einzige, was sie jetzt noch vernahm, war das tastende Schlurfen ihrer eigenen Schritte, die sie in die Tiefe des Raumes führten. Sie richtete den Schein ihrer Lampe ein wenig von sich weg, in dem Versuch, die Größe des Gewölbes zu erfassen. Vergeblich. Fast schien es, als ob die undurchdringliche Dunkelheit den kläglichen Lichtkreis packte und in ihrer Faust zu einem Nichts zusammendrückte. Schaudernd gab Aurica das Vorhaben auf. Doch als sie versehentlich mit dem Fuß einen Stein wegtrat, konnte sie an seinem Nachhall hören, dass der Keller relativ groß sein musste. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was hier alles in den entfernten Winkeln lauern mochte, auch wenn sich diese Gedanken immer weniger verdrängen ließen. Für einen Moment überlegte sie, einfach umzudrehen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Der Hades selbst könnte nicht finsterer sein, wie sollte sie hier mit ihrer mickrigen Smartphonelampe etwas finden?! Doch mit jedem Schritt, den Aurica in die Schwärze vordrang, wurde die Magie stärker.

Nein, sie konnte jetzt nicht aufgeben, sie musste wissen, was hier unten war!

Aber was, wenn an den alten Geschichten über das ehemalige Weingut tatsächlich etwas dran war? Ihr kroch eine Gänsehaut über den Rücken.

 

Niemand kannte den richtigen Name des Gutes. In Anlehnung an die Bezeichnung französischer Weingüter wie Château Lafite, Château Pétrus und ähnliche, wurde es seit jeher im Volksmund nur Château Vampire genannt. Das kam leider nicht von ungefähr. Der letzte Besitzer hatte die Angewohnheit, seine Rotweine mit Rinder- und Schweineblut zu strecken. Angeblich sollte ihnen das sogar eine exotische Note gegeben haben. Doch dann begannen in der Umgebung auf einmal junge Frauen zu verschwinden und plötzlich munkelte man, dass das Blut in den Weinen nicht länger Tierblut sei. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht wurde niemals aufgeklärt. Ein wütender Mob hatte seinerzeit die Sache in die Hand genommen und auf seine Weise geregelt. Das war nun weit über hundert Jahre her. Seitdem hatte das Anwesen wechselnde Besitzer und ebenso wechselnde Funktionen gehabt, gammelte jedoch seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger vor sich hin.

Doch hier unten in der Düsternis, wirkte die schaurige Geschichte erschreckend real. Vielleicht lagen die Gebeine der ermordeten Jungfrauen gerade außerhalb des trügerischen Schutzes ihres Lichtkreises? Vielleicht streckte bereits in diesem Moment der untote Besitzer des Weingutes seine eisige Klaue nach ihr aus, vielleicht ...

Aurica zwang sich, ihre Gedanken wieder auf die Magie zu lenken und weiterzugehen. Fast hätte sie aufgeschrien, als plötzlich etwas Dunkles im Schein ihrer Taschenlampe auftauchte. Am äußeren Rand des Lichtstrahls standen wie aus dem Nichts ein Paar Beine in dunklen Herrenschuhen. Aurica erstarrte. Die Erscheinung rührte sich nicht, sodass Aurica schließlich mit zitternden Fingern wagte, den Lichtkegel nach oben wandern zu lassen.

Im selben Moment hätte sie am liebsten hysterisch aufgelacht. Das Handy beleuchtete lediglich eine Säule, der Rest war ein Trugbild ihrer überreizten Fantasie gewesen.

Sehr real hingegen war die Magie. Aurica zwang sich, weiterzugehen. Die magische Spur war nun so deutlich, dass sie ihre Schritte beinahe bremsen musste, um nicht doch noch gegen irgendetwas zu laufen.

Plötzlich war der Keller zu Ende und Aurica stand vor einer Wand.

Ungewöhnlich starke Magie schlug ihr von dort entgegen. Fast hatte sie das Gefühl, die Energie mit den Händen greifen zu können. Das war beunruhigend. Außerdem handelte es sich hier nicht nur um außerordentlich starke Magie, sondern auch um vergleichsweise neue. Auricas Fähigkeiten waren nicht so ausgereift, dass sie das genaue Alter eines Zaubers zu bestimmen vermochte. Aber dieser hier war definitiv neueren Datums und stammte nicht aus der Zeit, als der Keller ganz regulär als Lagerraum genutzt worden war. So viel konnte sie erkennen.

 

Die Gänsehaut, die nun über Auricas Rücken kroch, entsprang nicht mehr nur einem Trugbild. Jemand war hier gewesen. Aber aus welchem Grund hatte er in diesem Keller einen Zauber gewirkt? – Noch dazu einen Zauber, für den ungewöhnlich starke Magie verwendet wurde? Dabei konnte es sich wohl kaum um etwas Gutes gehandelt haben!